[Pressefreiheit] Die Welt-Finanzkrise: was ist los mit Commerzbank, Dresdner Bank, UBS und Fortis?

[Pressefreiheit] Die Welt-Finanzkrise: was ist los mit Commerzbank, Dresdner Bank, UBS und Fortis?

Vor ein paar Tagen passierte ein Missgeschick, welches durchaus Erwähnung finden muss.

Der VWL-Professor Harald Uhlig führte bisher ein Blog für das Handelsblatt. Am vergangenen Wochenende veröffentlichte er dort einen Artikel, der grenzwertig war, möglicherweise gar rechtlich problematisch hätte werden können. Dieser Artikel wurde auf Weisung der Chefredaktion gelöscht. (Zitat: Link 1)

Unter zitiertem Link (siehe Ende dieses Beitrags) ist ebenso die offizielle Stellungnahme der Handelsblatt-Chefredaktion zu finden.

Da der beanstandete Beitrag von Herrn Uhlig weder sittenwidrig ist, noch gegen sonstiges Recht verstößt, folgt er nun in voller Länge. Internet ist so, gelöscht bedeutet nicht verloren.
Fairerweise sei nochmals darauf hingewiesen, dass der Beitrag die Meinung und Aussage eines einzelnen Autoren enthält, er nicht im Rahmen der Pressearbeit des Handelsblattes entstand, nicht deren Meinung darstellt und ebenso auch von mir hier nur zur Darstellung des Gesamtvorfalls – als Stein des Anstoßes – abgebildet wird.

Lassen wir aussen vor, dass die Denkweise durchaus nachvollziehbar ist, Kreiden wir aber an, dass Verlage und Redaktionen, die neumodisch Mitlaufen, sich besser vorher informieren, klare Strukturen schaffen, um sich hinterher nicht in solche Abgründe begeben zu müssen. Sprich: wer auf seiner Onlineplattform Raum für Blogs unabhängiger Autoren schafft, sollte sich darüber Gedanken machen, Redaktionelles und redaktionell-unabhängiges zu trennen, sei es optisch, durch Hinweise, durch andere Strukturen oder durch Seinlassen.

Die Welt-Finanzkrise: was ist los mit Commerzbank, Dresdner Bank, UBS und Fortis?

(von Harald Uhlig)

Wenn Sie ein größeres Konto bei der Commerzbank oder der von ihr geschluckten Dresdner Bank oder UBS oder Fortis haben, so sollten Sie froh sein. Denn noch können sie dort ihr Geld abheben: in aller Ruhe und ohne Schlange zu stehen. Die Einleger scheinen nämlich Nerven aus Stahl zu haben, und das ist gut so. Bisher ist ein bank run auf diese Institutionen ausgeblieben, und dabei könnte es auch bleiben.

Dabei stehen die Zeichen schon lange an der Wand. Die Dresdner Bank hat sich mit ihrem K2 Fond verspekuliert, und war schon lange das Sorgenkind der Allianz. Die Chinesen wollten die Dresdner nicht: nun hat die Commerzbank sie geschluckt. Mittelfristig sicher eine gute Idee – man kann im gemeinsamen Filialgeschäft viel sparen – aber kurzfristig ist das ein schwer verdaulicher Brocken, und die Risiken sind da. Die Aktie der Commerzbank hat seit Juli 2007 fast 60 Prozent verloren – so berichtete die FAZ am Samstag. Ich denke, der Aktienmarkt weiß schon warum. Und sollte es einen run auf die Commerzbank geben, dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Die Einlagensicherung des Bankenverbandes der Privatbanken ist nach dem Lehmann-Untergang so gut wie pleite. Bei einem run auf die Commerzbank (oder einer anderen, größeren Bank) ist da fast nichts mehr zu holen, wenn nicht von irgendwem nachgelegt wird. Die Einlagen wären dann futsch oder zumindest lange eingefroren. Alle Augen wären dann auf Steinbrück gerichtet – denn im Gegensatz zur Situation in den USA und England ist die Deutsche Bundesbank nicht “lender of last resort”. Steinbrück wird dann aber sowieso schon alle Hände voll zu tun haben, die EU-vorgeschriebene Einlagensicherung bis 20 000 Euro zu bedienen. Und hat sich vehement gegen ähnliche bailout-Pläne wie in den USA gewehrt. Seine einzige Beruhigung der Einleger bisher war, dass das deutsche Bankensystem eben stabiler sei als das amerikanische. Finger über Kreuz halten, also. Außerdem: kann ein sozialdemokratischer Finanzminister wirklich die reicheren Einleger aus der Patsche holen? Gute Frage. Wollen Sie darauf wetten?

UBS hat seit Juli 2007 fast 70 Prozent am Aktienmarkt verloren, Fortis fast 80 Prozent. Sie haben schon lange Probleme. UBS ist in der Schweiz und Fortis in Belgien. Es sind große Banken in kleinen Ländern. Genauer: zu groß. Sollte es bei diesen Institutionen zu einem Krach kommen, ist nicht einmal klar, daß die Finanzminister dieser Länder das Problem lösen könnten, selbst wenn sie wollten. Für Fortis müsste dann eigentlich eine europäische Lösung her – aber die gibt es nicht. In einem CEPR Report, “Monitoring the European Central Bank”, den ich 1998 mit verfasst habe, haben wir bereits damals das schwere Problem der rein nationalstaatlichen Bankenaufsicht und das Fehlen eines zentralen “lenders of last resort” in dem europäischen Währungsraum herausgestrichen. Viele andere haben es ebenfalls und seitdem immer wieder getan. Passiert ist seitdem zu wenig. Bundesbank Weber drängt zwar auf mehr Fortschritte auch hier, aber Steinbrück mauert. Also: geht Fortis den Bach runter, dann kann man nur noch freundlich lächelnd hinterher winken.

Vielleicht können Kenner der Szene in Kommentaren zu diesem Blog schreiben, wie es beispielsweise mit den Ausfallsrisiken und ihren Marktpreisen per credit default swaps steht: das wäre – neben dem Aktienpreis – sicherlich ein wichtiger Indikator. Zumal bei den Aktienpreisen wohl noch ein Stück weit Optimismus eingebaut ist, dass der amerikanische Rettungsplan auch diese Banken wieder aus dem Sumpf holt. Und wenn Sie schon dabei sind: welche anderen deutschen Banken wackeln derzeit noch? Wer traut sich, es auszusprechen? Wäre doch gut, wenn dieser Blog ein wenig mehr Licht in diese Situation hineinbringen könnte.

Glücklicherweise sind europäische Einleger offenbar meistenteils noch der Ansicht, die Finanzkrise ist ein reines US Problem, und ihre Einlagen in Europa sind sicher. Nerven aus Stahl: bewundernswert! Es ist sehr gut möglich – vielleicht sogar wahrscheinlich – dass die Commerzbank, die Dresdner Bank, Fortis und UBS diese Krisenzeiten unbeschadet durchstehen.

Also: vielleicht ist alles in Ordnung. Wenn Sie bei diesen Institutionen ein größeres Konto haben und darauf wetten wollen: nur zu. Ihre Gelder abzuheben und in etliche kleinere und vor allem sichere Konten umzuverteilen, oder andere Anlageformen zu suchen, ist ja auch irgendwie lästig. Kann ich gut verstehen. Oder aber Sie machen sich doch die Mühe und heben sicherheitshalber noch ab, bevor vielleicht zu viele andere auf die Idee kommen. Es ist Ihr Geld: Sie können damit machen, was Sie wollen. Noch.

Links zum Beitrag:

Link 1: http://handelsblatt6.blogg.de/eintrag.php?id=1944
Link 2: Handelsblatt-Blog von Harald Uhlig
Update:
Link 3: Heise „Was war, was wird.“ zum Thema (12.10.2008)

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